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Sumpfschildkröten erfolgreich geschlüpft

Donaunatur

Weibliche Sumpfschildkröten legen ihre Eier ausgerechnet im Hochwasserschutzdamm in den Donau-Auen östlich Wien ab. Sie scharren Bruthöhlen in den Oberboden und legen dort 8-15 Eier ab. Ausgebrütet werden sie, genau wie die bekannten Meeresschildkröten, von der Sonne. Einige Besonderheiten gibt es da auch: so schlüpfen bei höheren Temperaturen deutlich mehr weibliche Tiere, ist die Brutsaison kühler, sind es mehr Männchen. Und apropos Schlüpfen: die Eischalen verlassen die Jungtiere bereits im Herbst, aber nur ca. 10% der Jungtiere machen sich dann sofort auf den Weg zum nächstgelegenen Gewässer. Die restlichen 90% warten fast ein halbes Jahr als Jungtiere in der Bruthöhle darauf, dass sie die warme Frühjahrsonne aus den Nestern kitzelt. Mit Mitte April sind die Sumpfschildkrötenbabys in den umgebenden Augewässern angekommen, wo sie – nach der langen Fastenzeit in der Bruthöhle – gleich mal beginnen, sich den Bauch vollzuschlagen.

Die Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) ist ein heimisches Wildtier. Sie ist die einzige Schildkröte Mittel- und Nordeuropas und das Vorkommen in den Donau-Auen östlich Wien ist wirklich wichtig für das vom Aussterben bedrohte Tier. Denn hier im größten zusammenhängenden Auwald Mitteleuropas kann eine stabile und fortpflanzungsfähige Population mit geschätzten 1000-1500 Tieren ungestört und unterstützt durch Artenschutzmaßnahmen leben. Die meiste Zeit des Jahres verbringen Sumpfschildkröten in den warmen Augewässern, wo sie sich von Schnecken, Krebstieren und Insektenlarven, und sogar von Kaulquappen ernähren. Als Beilage darf es auch einmal pflanzliche Kost sein, wie Algen oder Wasserlinsen. In ihrem Gewässerlebensraum kann man sie gut beobachten, wenn sie sich auf einem toten Baumstamm sonnen. Allerdings sind sie dabei so unbeweglich, dass sie recht schwer zu entdecken sind. Wer allzu plötzlich ans Ufer tritt, nimmt nur noch wahr, wie sie ins Wasser platschen und davon tauchen.  

Mit Mitte Mai beginnt für die Weibchen die sehr anstrengende Brutsaison, die bis in den Sommer hinein dauert. In den Abendstunden und nachts wandern die Weibchen aus den nahegelegenen Augewässern zumeist zum Hochwasserschutzdamm, wo sie grabbares Substrat und trocken-warme Bodenverhältnisse vorfinden. Mit ihren bekrallten Hinterbeinen schaffen sie es, eine 10-12cm tiefe Bruthöhle zu scharren. Damit das Graben leichter fällt, nehmen sie Wasser in einer Körperhöhle mit, das sie über der zukünftigen Bruthöhle entleeren. Die ganze Prozedur der an Land eher behäbigen Tiere dauert und ist störungsanfällig, ein Neustart nach Störung ist kurzfristig praktisch unmöglich. Da die Eier nur von der Sonne ausgebrütet werden, ist es nicht verwunderlich, dass die Südseite des Damms stark bevorzugt wird. Im Herbst schlüpfen die 2-Euro-Münzen großen Schildkrötenbabys aus den Eiern, die meisten verbleiben aber bis ins Frühjahr in der Bruthöhle.  

Da Füchse die Nester besonders gut erschnüffeln, läuft seit 1997 ein Artenschutzprogramm über den Nationalpark Donau-Auen. Weibchen werden bei der Eiablage beobachtet und ihre Nester sofort mit einem Gitter geschützt. Wer sich ein genaueres Bild über den Ablauf dieser Artenschutzmaßnahmen machen möchte, bitte hier klicken.  

viadonau (bzw. DHK) planen die Hochwasserschutzdämme im Gebiet in den kommenden Jahren zu sanieren. Da die Verantwortung für die Sumpfschildkröte besonders groß ist, arbeiten wir bereits seit Planungsbeginn mit der Sumpfschildkrötenexpertin des Nationalparks Donau-Auen zusammen. Aufgrund der von uns beauftragten Kartierungen konnten im besonders guten Schildkrötenjahr 2015 rund 200 Gelege außerhalb der bekannten und seit Jahren untersuchten Bereiche verortet werden.  

Und auch die Planung der baubegleitenden Sumpfschildkröten-Maßnahmen erfolgte durch die Sumpfschildkrötenexpertin. Damit die Population nicht zu schaden kommt, wird es einen richtigen Maßnahmenmix an Erhaltungsmaßnahmen geben: Bauzeitbeschränkungen während die Gelege im Damm sind, Evakuieren von Jungtieren in die nahegelegenen Augewässer, Umleitungen für Baufahrzeuge während der Wanderung der Weibchen zum Brutplatz, Zäune ähnlich den bekannten Amphibienzäunen für Jungtiere, und in seltenen Fällen Erbrüten von Eiern in Brutkästen. Die genau Dokumentation des Brutgeschehens in der Saison vor Baustart ist dafür Voraussetzung. Ein Kernstück ist natürlich die Wiederherstellung der Nistplatzsituation nach Sanierung des Damms, das Oberbodenmaterial der Nistplätze wird gesondert gelagert und wieder eingebaut. Als positiven Nebeneffekt werden auch Daten über die Substrateigenschaften des Nistplatzes gesammelt - das wird völlig neue Erkenntnisse zur Nistplatzwahl liefern.


Die Autorin
Barbara Becker ist seit 2005 bei viadonau. Neben zahlreichen weiteren Aufgaben widmet sich die Umweltexpertin vor allem dem ökologischen Naturraum-Management sowie der Vorbereitung und Umsetzung von Renaturierungsprojekten.
E-Mail: Barbara.Becker[at]viadonau.org 

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Barbara Becker



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